Von der Schumannstadt auf Deutschlands Sonneninsel
Ein Reisebericht über Begegnungen, Klangwelten und den Zauber der Ostsee beim Usedomer Musikfestival 2026.
Wenn sich im Spätsommer die letzten Ferienkolonnen langsam über die Usedomer Inselbrücken gen Festland schlängeln, vollgepackt mit Erinnerungen an sonnige Strandtage, hält die Insel kurz den Atem an. Während die Sommergäste abreisen, beginnen für die Neuankömmlinge erholsame Herbsttage: Tief durchatmen, die frische, klare Ostseeluft genießen und die Ruhe an den weitläufigen Sandstränden auf sich wirken lassen.
Doch die Insel in der südwestlichen Ostsee bietet in der goldenen Jahreszeit weit mehr als malerische Naturkulissen und sanftes Meeresrauschen. Die Tage werden kürzer und Usedom verwandelt sich in eine internationale Bühne für die Welt der Musik. Das renommierte Usedomer Musikfestival lädt von Ende September bis Mitte Oktober zu erstklassigen Konzerten ein – von großen Sinfonien über Kammermusik bis hin zu Jazz und Pop verspricht das Programm einzigartiges Inselflair in Mecklenburg-Vorpommern.
Seit 1994 bildet das Festival den kulturellen Höhepunkt des Inselherbstes und begrüßt jährlich zahlreiche Besucher und Gäste. Seit 1999 hat es sich mit der Einbindung der gesamten Ostseeregion – Norwegen, Schweden, Dänemark, Deutschland, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Russland und Finnland – vollends als „Podium der Ostsee“ etabliert. In diesem Jahr steht nun Schweden mit seiner Musik und seinen Künstlerinnen und Künstlern exklusiv für die Dauer einer Saison im Mittelpunkt des Programms.

Dieser Veranstaltungsort ist außergewöhnlich und einzigartig: Das alte Kraftwerk in Peenemünde war bis 1990 in Betrieb, Foto: © z2000/bde
Das diesjährige Gastland blickt auf eine gemeinsame Historie zurück: Usedom gehörte von 1648 bis 1720 zu Schwedisch-Pommern, nachdem König Gustav II. Adolf bereits 1630 bei Peenemünde gelandet war. Anlässlich von 75 Jahren diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Schweden überbrachte die schwedische Botschafterin Veronika Wand-Danielsson an das Musikfestival auf Usedom ein paar Grußworte.

Die schwedische Botschafterin Veronika Wand Danielsson überbrachte herzliche Grußworte, Foto: © z2000/bde
„Schwedens Verbindung mit Deutschland über die Ostsee ist stark. Unsere Länder sind Nachbarn, pflegen enge wirtschaftliche, sicherheitspolitische und starke kulturelle Beziehungen, was besonders der heutige Abend zum Ausdruck bringt. Als Botschafterin Schwedens freue ich mich außerordentlich, dass Schweden gerade in diesem 75. Jahr der diplomatischen Beziehungen unserer beiden Länder die Ehre zuteil wird, Gastland dieses wunderbaren Musikfestivals sein zu dürfen. Denn Musik kann etwas, was Politik manchmal nur schwer kann. Sie bringt Menschen zusammen, die nicht notwendigerweiße ihre eigenen Sprachen sprechen, sondern durch die Sprache der Musik sich verstehen und mit der Sprache der Musik kommunizieren."
Traditionell wird das Usedomer Musikfestival immer von der Baltic Sea Philharmonic eröffnet – einem Ensemble aus Nachwuchstalenten sowie professionellen Musikerinnen und Musikern aller zehn Ostsee-Anrainerstaaten, das 2008 aus dem Festival selbst hervorgegangen ist.
Das Eröffnungskonzert in Peenemünde
Das Eröffnungskonzert des 33. Usedomer Musikfestivals am 19. September 2026 in der Turbinenhalle des Historisch-Technischen Museums Peenemünde war in jeder Hinsicht außergewöhnlich: Unter der Leitung des in Litauen lebenden US-amerikanischen Dirigenten Robert Treviño spielte das Orchester auswendig ohne Notenblätter.
- Wilhelm Stenhammar: Zwischenspiel aus der Kantate „Sången“ op. 44 (8 Min.)
- Peter Tschaikowsky: Rokoko-Variationen für Violoncello und Orchester op. 33
- Johannes Brahms: Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68 (40 Min.)
Der Ort dieser Aufführung birgt historische Schwere: In der Halle des ehemaligen Kraftwerks Peenemünde wurden einst im „Dritten Reich", in den Versuchsanstalten des Heeres und der Luftwaffe, Raketen entwickelt und getestet. Heute präsentiert sich dieser geschichtsträchtige Ort als Museum und internationale Begegnungsstätte für Frieden und Toleranz.

Imposant - die Turbinenhalle im ehemaligen Kraftwerk, Foto: © z2000/bde
Ein glanzvolles Juwel im schwedisch-russisch-deutschen Dreiklang war die erst dreizehnjährige Cellistin Charlotte Melkonian. Die junge Solistin, die sonst auf Bühnen wie der New Yorker Carnegie Hall oder der Berliner Philharmonie steht, brillierte mit Tschaikowskys Rokoko-Variationen und versetzte das Publikum in Entzücken. Was für ein Glücksmoment in dieser außergewöhnlichen Inszenierung.

Ausnahmetalent Charlotte Melkonian begeisterte in der großen Turbinenhalle, Foto: © z2000/bde
Die Deutsche Stiftung Musikleben unterstützt das Ausnahmetalent mit einem kostbaren Instrument des Geigenbauers Stefano Scarampella aus Mantua.
Stefano Scarampella (1843–1925) war einer der bedeutendsten italienischen Geigenbauer des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Heute gehören Originalinstrumente von Stefano Scarampella zu den gesuchtesten Sammler- und Konzertinstrumenten dieser Epoche und erzielen auf internationalen Auktionen Spitzenpreise. Für junge Nachwuchskünstler ist das ein enormer Karriereschub, da sie sich Instrumente dieser Klasse selbst noch nicht leisten können.
Bei Brahms’ 1. Sinfonie c-Moll op. 68 agierten die Musikerinnen und Musiker vorwiegend im Stehen – was dem Ensemble auf der Bühne maximale Bewegungsfreiheit und ein mitreißendes, spontanes Zusammenspiel ermöglichte. Die Wucht der Musik versetzte die überwältigende Kulisse aus Stahl und Beton regelrecht in Resonanz. Ein fulminanter Schlussakkord mit frenetischem Applaus und Standing Ovations der 1200 Besucher entließ die Protagonisten nach zwei Zugaben schließlich in die Nacht.

Dirigent Robert Trevino, Foto: © Geert Maciejewski
Wir treffen Marius Malanetchi aus Moldawien, der im Orchester Cello spielt. Von der riesigen Maschinenhalle zeigt er sich auf Anhieb beeindruckt. Auf die Frage, was für ihn die größere Herausforderung sei – ohne Noten oder im Stehen zu spielen –, antwortet er ohne langes Nachdenken.

Für Marius Malanetchi (Cello) aus Moldawien ist musizieren im Stehen kein Problem, Foto: © z2000/bde
„Im Stehen ist es eigentlich sogar besser. Man fühlt sich freier und spielt einfach besser. Aber auswendig? Das ist extrem schwer. Wir üben zwar viel, aber dafür verinnerlichen wir die Stücke auch viel intensiver, weil das Einstudieren so lange dauert.“
Doch was passiert, wenn im entscheidenden Moment der Faden reißt? Wird dann improvisiert oder doch heimlich ein Blick aufs Smartphone geworfen? Marius schmunzelt:
„Oh nein, es gibt kein Handy, kein Tablet und keinerlei Spickzettel. Natürlich kann es passieren, dass die Töne plötzlich weg sind und man kurz nicht weiterweiß. Aber dafür haben wir Strategien. Man orientiert sich zum Beispiel einfach an den Kollegen, dann findet man ganz schnell wieder rein. Fehler passieren schließlich auch mit Noten. Und wenn man ein Stück wirklich im Blut hat, lässt sich ein Aussetzer problemlos überspielen.“

Festival-Intendant Thomas Hummel, Foto © Peter Adamik
Als Intendant hat Thomas Hummel mehr als 20 Veranstaltungsorte im Blick. Neben nostalgischen Hotels im Kaiserbad-Ambiente, Gästehäusern und dem Kultur-Dom im polnischen Świnoujście sind darunter vor allem Orte sakraler Stille – etwa die vielen evangelischen Dorfkirchen der Region. Dazu zählen historische Bauten aus dem 12. Jahrhundert im ländlichen Umland wie dem Lieper Winkel.
„Das sind wunderbare Kirchenräume, in denen wir mit dem Festival zu Gast sein dürfen“, schwärmt Hummel. „Wir erleben dort stets große Gastfreundschaft, und die Konzerte in dieser besonderen Atmosphäre sind jedes Mal etwas ganz Besonderes.“
Auf die Frage nach seinen Empfehlungen für Erstbesucher des Usedomer Musikfestivals im Spätsommer betont er:
„Auf jeden Fall sollte man einen Blick ins Programm werfen und den Weg zu uns finden. Wir bieten zum Beispiel auch eine Inselrundfahrt an, bei der sich viel Neues entdecken lässt. Es lohnt sich absolut, Usedom im Spätsommer zu besuchen und über das Festival die schönen Ecken der Insel kennenzulernen.“
Ausflug in die sakrale Stille
Am 20. September 2026 erklang in der Evangelischen St.-Johannes-Kirche im Lieper Winkel Musik schwedischer Kantoren und Spielleute des 17. und 18. Jahrhunderts. Unter dem Titel „Schweden Barock / Schweden tänzerisch“ wurde sie von Ida Meidell Blylod (Barockvioline) und Johan Hedin (Nyckelharpa) stilecht interpretiert. In der Pause verwöhnte die Kirchengemeinde die Gäste mit Kaffee, Kuchen und frischen regionalen Äpfeln.

Historischer Veranstaltungsort aus dem 12. Jahrhundert - Die ev. Kirche in Liepe, Foto: © z2000/bde

Ida Meidell und Johann Hedin (Schweden), Foto: © z2000/bde
Klangkunst auf Höchstniveau vor sommerlicher Kulisse
Im Konzertzelt an der Seebrücke in Ahlbeck bot das schwedische Vokalquartett „Lemon Squeezy“ am 24. September 2026 ein außergewöhnliches Strandkonzert vor sommerlicher Kulisse und bei tropischen Temperaturen. Seit ihrem Triumph als International Barbershop Quartet Champions 2025 in Denver zählen die vier Sänger zur weltweiten Spitze der A-cappella-Szene. Fest in der skandinavischen Chorkultur verwurzelt, bewegen sich David Holst (Lead), Victor Nilsson (Tenor), Sam Molavi (Bariton) und Martin Jangö (Bass) mit spielerischer Leichtigkeit und meisterhafter Präzision im Spannungsfeld zwischen klassischem Barbershop, groovigem Jazz und virtuosen Arrangements.

Außergewöhnliches Strandkonzert in malerischer Kulisse mit LEMON SQUEEZY aus Schweden, Foto: © z2000/bde
Kaiserbadsaal Heringsdorf: Ein glanzvoller Geburtstagsgruß nach Schweden
Am 25. September verwandelte sich die historische Bühne des Heringsdorfer Kaisersaals in eine Pilgerstätte für Liebhaber zeitloser Ästhetik. Anlässlich des 80. Geburtstags von Benny Andersson schlossen sich Solisten des Baltic Sea Philharmonic mit dem schwedischen Vokalquartett zusammen, um dem musikalischen Erbe der Pop-Ikone ein atemberaubendes neues Gewand zu verleihen – eine ABBA-Hommage von erlesener Eleganz, Leidenschaft und nordischer Poesie.
Schon mit den ersten Takten entfaltete sich eine feine Magie, die den Saal augenblicklich gefangennahm. Von mitreißenden Rhythmen bis hin zu den melancholisch getönten Balladen feierte das Ensemble weit mehr als bloße Chart-Klassiker: Es legte die unverwüstliche Seele skandinavischer Songwriter-Kunst frei.
Der Abend trat den mühelosen Beweis an, dass herausragende Musik nicht altert, sondern über die Jahre eine meisterhafte Patina ansetzt – ein würdiges, stilvolles Denkmal für einen der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit und ein glanzvoller Höhepunkt im Ausklang der ersten Hälfte des Usedomer Musikfestivals.

Ausgelassene Stimmung im historischen Kaisebadsaal, Foto: © z2000/bde
„Wir sind zur Halbzeit sehr zufrieden. Sieben ausverkaufte Konzerte, ein Publikum, das uns von Peenemünde bis nach Świnoujście gefolgt ist – und ein Gastland, das für die zweite Hälfte noch einiges aufgespart hat.“
sagte Festivalintendant Thomas Hummel.
Klingt verlockend, oder? Doch an dieser Stelle nimmt die Geschichte eine tragische Wendung: Für den Autor dieses Beitrages war der mühsam angesparte Festivalurlaub leider unerbittlich aufgebraucht. Während die Töne auf der Insel also fröhlich weiterklingen, hieß es für ihn: Koffer packen und Usedom schweren Herzens vorzeitig den Rücken kehren. Man soll ja bekanntlich gehen, wenn es am schönsten ist – auch wenn der Abschiedsschmerz in diesem Fall eindeutig Moll spielt.
Das Festival geht am Samstag, den 10.10.2026, mit einem Abschlusskonzert von Martin Fröst (Klarinette) und Roland Pöntinen (Klavier) in der Ev. Kirche St. Petri Wolgast zu Ende.
Insel der Zwischentöne
In den prachtvollen Bauten der Kaiserbäder, Kirchen und Schlösser und jenseits des festlichen Rampenlichts entfaltete die Insel ihre ganz eigene, unverfälschte Seele. Wo das sanfte Rauschen der Ostsee auf historische Konzertmuscheln trifft, am feinen Sandstrand und entlang der sonnendurchfluteten Promenaden, erwachte die Musik zum Leben: Große Orchesterwerke, Romantik, barocke Kammermusik, bis hin zu Jazz, Pop, spezielle Liegekonzerte und Tribute-Abende vermischten sich mit dem Sound der Straße aus melancholischen Balladen, mitreißendem Rock ’n’ Roll und lebendigem Square Dance.
So zieht das musikalische Inselerlebnis bis zu vierzehntausend Gäste pro Jahr aus dem In- und Ausland in seinen Bann. Usedom ist nicht nur eine Kulisse – es ist ein zutiefst musikalischer Ort, der seinen Besuchern als eine Insel voller Klangpoesie begegnet.

Die berühmteste Seebrücke befindet sich im Kaiserbad Ahlbeck, Foto: © z2000/bde
Neben Stift und Papier hatte unser Autor übrigens auch feinste Optik im Gepäck: Die mitgebrachten Aufnahmen werden derzeit noch gesichtet, sortiert und veredelt. Bis wir an dieser Stelle ein kleines Video mit visuellen Impressionen mit Ihnen teilen können, bitten wir noch um ein wenig Geduld. (Der Beitrag wird dann mit einem Update-Button markiert).
Anreisemöglichkeiten auf die Insel Usedom im Überblick:
- Mit dem Auto:
Deutsche Seite: Über die A20 und die Bundesstraßen B111 (im Westen über Wolgast) oder B109 (im Süden über die Zecheriner Brücke). Hinweis: Beide Strecken führen über Klappbrücken mit festen Öffnungszeiten für den Schiffsverkehr.
Polnische Seite: Über den mautfreien Swinetunnel (Świnoujście ,Swinemünde), erreichbar über die polnische Seite (Insel Wolin). - Mit der Bahn:
Mit dem Fernverkehr (ICE/IC) über Halle/Leipzig bis Stralsund/Züssow.
Umstieg in die Usedomer Bäderbahn (UBB), die die gesamte Insel erschließt (von Peenemünde bis Swinemünde). - Mit dem Bus:
Direkte Fernbusverbindungen (z. B. FlixBus) aus Großstädten bis in die Kaiserbäder. - Mit dem Flugzeug:
Saisonale Direkt- und Charterflüge zum Flughafen Heringsdorf (HDF) im Südosten der Insel (vor allem in den Sommermonaten). - Mit dem Schiff:
Ausflugsschiffe und Fähren verbinden Usedom mit der Nachbarinsel Rügen, dem nahegelegenen Festland (z. B. Freest) sowie Swinemünde.


