Vom Fest der Nächstenliebe zur Sicherheitszone
Ab dem kommenden Montag, dem 9. November, ist es in der Zwickauer Innenstadt wieder unübersehbar: Der Aufbau der zertifizierten Zufahrtssperren an zehn Sperrpunkten beginnt. Ab dem 23. November gilt dann der Ausnahmezustand – das Stadtzentrum ist tagsüber für den Fahrzeugverkehr dicht.
Die offizielle Begründung der Stadt lautet: Um den Weihnachtsmarkt zu schützen und Gästen einen ruhigeren Besuch zu ermöglichen.
Ein Satz, der auf den ersten Blick beruhigend klingen soll, bei genauerem Hinsehen jedoch ein tiefes Unbehagen hinterlässt.
Die schmerzhafte Realität hinter dem Beton
Diese massiven Schutzmaßnahmen fallen nicht vom Himmel – sie sind die direkte Konsequenz einer tragischen Reihe von Ereignissen, die das Land verändert haben. Seit dem verheerenden Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz 2016 gehört der Anblick von Betonblöcken und Fahrzeugsperren auf deutschen Weihnachtsmärkten traurigerweise zum Bild. Und die jüngere Vergangenheit zeigt, wie akut die Bedrohungslage bleibt: Auch die schrecklichen Geschehnisse auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt haben noch einmal drastisch vor Augen geführt, dass Großveranstaltungen im öffentlichen Raum zu potenziellen Zielen werden können. Dass Städte und Sicherheitsbehörden nach solchen Vorfällen alles tun müssen, um Menschenleben zu schützen, steht außer Frage. Und dennoch bleibt die Bitterkeit.
Ein Symbol des Friedens braucht Fahrzeugsperren?
Weihnachten war einst ein Synonym für Innehalten, Frieden, Wärme und offenes Miteinander. Dass heute ausgerechnet ein Weihnachtsmarkt – der Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um Besinnlichkeit zu teilen – wie eine Hochsicherheitszone abgeriegelt werden muss, stimmt tief nachdenklich. Es ist ein verstörendes Signal unserer Zeit: Einige wenige Täter und Extremisten reichen aus, um ein ganzes Land in eine Art Hochsicherheitstrakt zu verwandeln und den öffentlichen Raum lahmzulegen. Es geht hier längst nicht mehr nur um Logistik, Knöllchen oder Anlieferzeiten bis 10:30 Uhr. Es geht um eine schleichende Normalisierung des Ausnahmezustands:
- Angst als ständiger Begleiter: Wir haben uns längst daran gewöhnt, zwischen Betonpollern, Stahlsperren und Polizeipräsenz Glühwein zu trinken.
- Ein Verlust an Freiheit: Wie unbeschwert ist ein Besuch wirklich, wenn der Schutz vor Gewalt überhaupt erst durch tonnenschwere Schutzbauten ermöglicht werden muss?
- Der Preis der neuen Realität: Das Ordnungsamt erarbeitet in Abstimmung mit Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten monatelang Sicherheitskonzepte, um ein Traditionsfest überhaupt noch durchführen zu können.
Der Widerspruch unserer Zeit
Wenn Betonsperren nötig sind, damit Bürger und Familien „ruhig“ Glühwein trinken können, zeigt das bitter auf, wie sehr sich das gesellschaftliche Klima in den letzten Jahren verändert hat. Ein Fest, das Verbinden und Versöhnen sollte, findet heute hinter Barrikaden statt. Die Sicherheitskräfte und die Stadt tun ohne Frage das, was nötig ist, um Menschenleben zu schützen. Doch die eigentliche Frage, die wir uns stellen müssen, lautet:
Wie sind wir an den Punkt gelangt, an dem Frieden nicht mehr selbstverständlich ist, sondern durch Poller und Sperren erzwungen werden muss?
Die Zufahrtssperren werden an folgenden Punkten aufgebaut:
- Innere Schneeberger Straße, nach Haltestelle Zentrum: Zufahrt nachts möglich (Mo – Fr/ So ab 20.30 Uhr, Sa: ab 21.30 Uhr, jeweils bis 10.30 Uhr am nächsten Tag)
- Zugang zum Kornmarkt bei First Inn: dauerhaft geschlossen
- Zugang/ Zufahrt zum Kornmarkt bei Jacob-Leopold-Bau: Zufahrt nachts möglich (Mo – Fr/ So ab 20.30 Uhr, Sa: ab 21.30 Uhr, jeweils bis 10.30 Uhr am nächsten Tag)
- Straße zwischen Domhof und Kornmarkt, Sperrung ungefähr ab dem „Schiffchen“: Zufahrt nachts möglich (Mo – Fr/ So ab 20.30 Uhr, Sa: ab 21.30 Uhr, jeweils bis 10.30 Uhr am nächsten Tag)
- Zufahrten von Domhof zu Marienstraße/ Marienplatz: Zufahrt nachts möglich (Mo – Fr/ So ab 20.30 Uhr, Sa: ab 21.30 Uhr, jeweils bis 10.30 Uhr am nächsten Tag)
- Marienstraße, nördlich Marienplatz: Zufahrt nachts möglich (Mo – Fr/ So ab 20.30 Uhr, Sa: ab 21.30 Uhr, jeweils bis 10.30 Uhr am nächsten Tag); Zufahrt für Einsatzfahrzeuge (wird im Notfall geöffnet)
- Hauptstraße, in Höhe Hauptstr. 7: Zufahrt nachts möglich (Mo – Fr/ So ab 20.30 Uhr, Sa: ab 21.30 Uhr, jeweils bis 10.30 Uhr am nächsten Tag)
- Hauptmarkt, Zugang aus Richtung Straßenbahn/ Gewandhaus: Zufahrt nachts möglich (Mo – Fr/ So ab 20.30 Uhr, Sa: ab 21.30 Uhr, jeweils bis 10.30 Uhr am nächsten Tag)
Den Aufbau der Systeme leisten Mitarbeiter von Ordnungs-, Feuerwehr- und Tiefbauamt. Die Zufahrtssperre in der Marienstraße, welche für Einsatzfahrzeuge geöffnet wird, wird im Auftrag der Kultour Z. von einem Sicherheitsunternehmen besetzt. Dieses ist auch für das Öffnen und Schließen verantwortlich. Die Sperrungen gelten für die Dauer des Weihnachtsmarktes vom Montag, 23. November, bis einschließlich Dienstag, 22. Dezember.
