Vom Scheunenfund zum Museumsobjekt
Nach einer über 70 Jahre dauernden Odyssey ist der viertürige P70-Prototyp, mehr oder weniger an seinen Ursprungsort, ins heutige August-Horch-Museum nach Zwickau zurückkehrt.
Behutsamer "Stapellauf" mit Sebastian Schüßler.
„Wow, was für ein Auflauf! Das bin ich gar nicht gewohnt. Eigentlich wollte ich vor Freude meinen Zwei-Zylinder-Motor aufheulen lassen. Aber da hat sich schon lange nichts mehr bewegt. Ich war den Tränen nahe. Aber die hätten die Scheiben nur von innen beschlagen, die interessierten Blicke der Umstehenden beeinträchtigt.“
Erinnerungen kommen hoch: Zeitsprung.
„Eigentlich bin ich ein illegal gebautes Modell, vorbei an den Vorstellungen und genehmigten Auto-Produktionen der damaligen politischen Berliner Autoritäten. Ich war ein Probeexemplar der neuen Duroplastverplankung. Mir ist entfallen, wie viele es von meinesgleichen genau gab oder noch gibt. Die einen reden von drei Modellen, andere von sieben oder gar zwölf, gefertigt an unterschiedlichen Orten. Anhand meiner Fahrgestellnummer P70 – 091 werde ich aber sicher zuzuordnen sein.“


„Bis vor einigen Wochen stand ich noch völlig eingestaubt und zugedeckt in einer hintersten Ecke eines Schuppens. Mit in diesem hölzernen Unterstand zwei Verwandte von mir, ein P70-Kombi und ein P70 Coupé. Dazu weitere 28 unterschiedliche DKW-Modelle und eine F8-Pritsche. Da standen wir nun, nachdem wir durch zig Hände gegangen waren, ich speziell durch vier, als Sammelobjekte mehr als drei Jahrzehnte, vor uns hin. Bis eines Tages einem Erben, dem Henry Koller, einfiel, uns per Inserat zu verkaufen. Uns, von denen die meisten gar nicht mehr fahrtüchtig sind. Eine ungewisse Zukunft.“
Da macht sich so ein Sondermodell schon seine Gedanken. Letztendlich grinste der 71-Jährige aber über das gesamten Kühlergrill.
„Ein in der Szene gut bekannter Oldtimerfreund nahm sich meiner an. Nicht, um mich in Einzelteilen oder gesamt zu verhökern. Nein, er wusste sofort: Ich gehöre zurück an meine einstige Produktionsstätte. So verlud er mich kurzerhand und es ging von Dahlewitz in die Nähe des Tropical Island. Und – es gab auf der rund eineinhalbstündigen Fahrt eine Dauerdusche von oben. Vielleicht der Segen, auf dem genau richtigen Weg in eine beschauliche Zukunft zu sein. Da hatte ich schon Sorge, dass mein völlig unaufgeräumtes Inneres durchnässen würde. Aber es hielt alles dicht. Nun harre ich der Dinge, die nun auf mich zukommen. Bin aber guter Dinge, in absolut fachmännischen Händen gelandet zu sein.“
Bis zum Eintreffen dieses wohl noch einzig existierenden Modells eines viertürigen P70 stieg die Spannung vieler Interessenten minütlich.
„Wir hatten nur ein altes Archivfoto und ein aktuelles als Vergleich“, zeigte sich André Meyer, Kurator des August-Horch-Museums, genauso aufgeregt wie Restaurator Michael Junghähnel. „Aber zum Beispiel die fast hängenden Türgriffe, Spiegel auf der Motorhaube oder geteilte Seitenscheiben ließen den Schluss zu, mit diesem Auto einen einzigartigen Glückstreffer landen zu können.“ Für Restaurator Junghähnel stand nur eine Frage im Raum: „Dieses Modell hat noch eine Holzkarosse. Wie gut ist deren Zustand? Das wäre im schlimmsten Falle eine Heiden-Schreinerarbeit.“
Als der P70 gegen Mittag des 30. Mai auf den Hof des August-Horch-Museums rollt, beginnt das große Staunen und es folgen erste Kontrollblicke. „Laut unserer Recherche stammt das Modell mit der Fahrgestellnummer P70 – 091 aus Zwickau“, weiß Meyer: „Und die stimmt augenscheinlich. Unbeschreiblich, dieses Stück nun hier zu haben!“ Detlef Neumann, Fach-Ingenieur Karosseriebau an der Westsächsische Hochschule, zieht ein eindeutiges Fazit: „Das Fahrzeug ist echt! Auch die damals typischen Sitze. Alles richtig gemacht, sowohl von den Erben, dem Entdecker als auch dem Museum!“
Henry Koller, Sebastian Schüßler und Restaurator Michael Junghähnel (v.l.)
Ein bisschen traurig scheint der Prototyp doch zu sein. Aber er empfindet auch gewissen Trost.
„Eben noch vor völliger Verstaubung und drohendem Zerfall gerettet und jetzt wieder neue Besitzer. Mein Retter, dieser Sebastian Schüßler, soll das alles völlig uneigennützig gemacht haben. Mich für einen geringen vierstelligen Betrag ge- und auch wieder verkauft haben.“
Und der umschwärmte Prototyp vernimmt einen für ihn schwer zu deutenden Satz von Schüßler. „Ich? Das Auto versuchen, anzulassen? Nein, wenn dann sollen die Profis hier ihn kaputt machen, wenn sie ihn starten.“
Aha, denkt sich der Bestaunte.
„Darum konnte ich vor Freude meinen Zwei-Zylinder nicht aufheulen lassen.“
Besondere Rarität, Sebastian Schüßler mit einere To-Do-Liste des Vorbesitzers.
Inzwischen wird´s dem P70 fast zu wuselig um ihn herum. Seine Türen werden weit geöffnet.
„Das bin ich nicht gewohnt, dass jemand an mir so herumtastet, oder prüft da jemand, ob noch alles so weit intakt ist? Ich höre ihn sagen: ´Der Zustand ist besser als gedacht. Das Auto hat eine intakte Metall-B-Säule und -Schweller. Ordentlich sauber machen, hier und da etwas Rostlöser, neue Reifen, Felgen lackieren… vielleicht steht er in sechs Monaten schon in der Ausstellung.´“
Der Oldtimer kommt ins Grübeln.
„Und was hat der Mann eben gesagt? Ich darf in eine Ausstellung. Ich bin einfach nur überwältigt!“
Original KFZ-Brief

Abtransport ins neue Zuhause.
Fotos: uhe
