50 Jahre Zwickauer Europapokaleuphorie
Nach dem Überraschungs-Pokalerfolg vom 14. Juni 1975 gegen Dynamo Dresden, standen Fußball-Experten und Funktionäre in der DDR einer Teilnahme Sachsenrings am internationalen Wettbewerb kritisch gegenüber. Das ging so weit, dass es sogar Überlegungen gegeben haben soll, die Betriebssportgemeinschaft aus Zwickau nicht für den Europa Pokalsieger-Wettbewerb zu melden.

Die "Eintrittskarte" für Europa, der FDGB-Pokal 1975, Foto: z2000/bde
Ganz anders sah das natürlich die rote-weiße Fangemeinde. Die Euphorie war riesengroß. Der Europapokal der Pokalsieger 1975/76 war die 16. Auflage des Wettbewerbs der europäischen Fußball-Pokalsieger. An ihm nahmen 32 Klubmannschaften aus 32 Nationen teil. Viele klangvolle Namen waren da zu finden, u.a.:
- DFB-Pokalsieger Eintracht Frankfurt,
- ÖFB-Cupfinalist SK Sturm Graz,
- FC Basel, Schweiz
- Celtic Glasgow, Schottland
- Atlético Madrid, Spanien
- Boavista Porto, Portugal
- Beşiktaş Istanbul, Türkei
- RSC Anderlecht, Belgien
- FDGB-Pokalsieger BSG Sachsenring Zwickau
Die Teilnehmer spielten damals im reinen Pokalmodus mit Hin- und Rückspielen den Sieger aus. Gab es nach beiden Partien Torgleichstand, entschied die Anzahl der auswärts erzielten Tore (Auswärtstorregel). War auch deren Anzahl gleich fand im Rückspiel eine Verlängerung statt, in der auch die Auswärtstorregel galt. Herrschte nach Ende der Verlängerung immer noch Gleichstand, wurde ein Elfmeterschießen durchgeführt. Dieser Modus war für Sachsenring nicht unbekannt und hatte bereits im nationalen Ausscheid mit der Auswärtstorregel in Aue (1:0, 2:1) das Weiterkommen für Zwickau gebracht. Dieses wichtige Auswärtstor hatte der damals von Motor-Wema Plauen nach Zwickau gewechselte wuchtige Mittelstürmer Werner Bräutigam erzielt. Damit wurde das Endspiel in Berlin erreicht. Und auch da brachte der wichtige späte Ausgleichstreffer durch Peter Nestler ("Der Ball fiel herunter, irgendwie", Radio-Kommentator Werner Eberhard live bei "Radio DDR") in der letzten Minute der Verlängerung(!) die Wende bis hin zum Elfmeterschießen, mit bekanntem Ausgang.
In der ersten Begegnung bekam die Elf von Trainer Karl-Heinz Kluge den griechischen Pokalsieger Panathinaikos Athen zugelost. Nach einem torlosen Unentschieden wurden die Griechen im Rückspiel durch Tore von Joachim Schykowski und Heinz Dietzsch mit 2:0 bezwungen. 35.000 Zuschauer erlebten im Georgi-Dimitroff-Stadion einen verheißungsvollen Europapokalauftakt.
In der zweiten Runde bekamen wir es mit der Associazione Calcio Fiorentina (AC Florenz) zu tun. Das Hinspiel wurde in Italien knapp mit 1:0 verloren und das war nicht die schlechteste Ausgangsposition fürs Rückspiel. Die Taktik schien aufzugehen. Im Auswärtsspiel hinten reinstellen und im Rückspiel zuhause versuchen, das Ding noch zu drehen. Alles war noch möglich. Dementsprechend groß war die Euphorie. Doch für einige Mitglieder unserer Sachsenring-Fan-Gemeinschaft, die stets zu jedem Auswärtsspiel durch die Republik gefahren waren, wurde der Rückspieltag gegen die AC Florenz zur persönlichen Tragödie. Exakt an diesem Tag wurden sie zur Armee einberufen und aus all ihren Fußballträumen gerissen, was die kollektive Freude überschattete und mit bedauerlichen Erinnerungen verbunden ist. Ein bitterer Moment inmitten der Freude, auch für einen Sachsenring-Spieler:
Der ehemalige DDR-Oberligaspieler Heinz Wohlrabe aus Reinsdorf bestritt von 1968 bis 1978 201 Punkt- und Pokalspiele für die BSG Sachsenring. Das Pokalendspiel im Juni gegen Dynamo Dresden sowie alle acht Europapokalspiele 1975/76 verpasste er allerdings, weil er kurz vor Ablauf der Einberufungsfrist bis Herbst 1976 zum NVA-Dienst eingezogen wurde.
Die Abwehr musste fortan umstrukturiert werden. Einer der dem Abwehrverbund angehörte war Roland Stemmler (Er gab lena-dena ein Interview).
Während sich alle in Zwickau auf das Spiel vorbereiteten wurden die, die zur Asche mussten, in Zügen im ganzen Land verteilt. Ab und zu, zwischen Einkleiden und Rundhaar-Schnitt waren ein paar Fetzen einer Radioreportage aus Offiziersstuben zu hören… Kein Fernsehen, kein Radio, kein Telefon. Absolut nix.

Derweil schoss an der Halde Joachim Schykowski in der 30. Minute das 1:0 und egalisierte damit das Hinspielergebnis. Nach der torlosen Verlängerung musste ein Elfmeterschießen entscheiden. 36.000 Zuschauer erlebten diese spannende Entscheidung, bei der ausgerechnet einer der bis heute besten Spieler von Florenz, Giancarlo Antognoni verschoss. Bei Sachsenring trafen alle, einschließlich Torwart Jürgen Croy, der wie schon zum Pokalfinale gegen Dresden, den letzten reinmachte.
Wahnsinn - Italiani tristi.
Rot-Weiß ist Trumpf
Schon mit dem ersten Spiel gegen Athen hatte sich unter den Hardcore-Fans die Tradition entwickelt, am Europacup-Spieltag ab 8 Uhr (!) in Zwickaus „Herz As“ einzulaufen. Das ehemalige HO-Tanzlokal und Restaurant "Herz As" befand sich zu DDR-Zeiten im Gebäude des Georgenhofes zwischen Poetenweg und Zentralhaltestelle. Zeitiges Erscheinen, war unbedingt zu empfehlen, denn eine halbe Stunde später wurde nicht selten wegen Überfüllung geschlossen.
Das "Herz As" 1976
Auld Lang Syne
Dann in der dritten Runde – der Knaller. Die Zwickauer bekamen Celtic Glasgow zugelost. Wieder zuerst auswärts im berühmten Donegal Celtic Park. Der eiserne Vorhang hatte ja in der DDR nicht viel westliche Fußballatmosphäre durchgelassen, aber das wusste jeder: In Glasgow brennt die Luft, wenn die Wee Hoops dort auflaufen. Noch im Ligaspiel gegen den 1. FC Magdeburg prophezeite dessen dicker Libero Manfred Zapf für die Zwickauer den sicheren Untergang. Und die sagten sich: "Unser Wille kann Berge versetzen!" Vor allem, gegen so eine prominente Übermacht aus dem Pokal rausfliegen, wäre auch keine Schande. (Celtic hatte in den letzten zehn Jahren, neun mal die Meisterschaft geholt). Trainer Karl-Heinz Kluge brauchte sich keinerlei Gedanken machen, wie er die Truppe am besten motivieren konnte. Allein schon die Vorstellung, dieses Spiel der Spiele zu spielen, setzte am Ende ungeahnte Kräfte frei.

89. Spielminute im Celtic Park: "Luggi" Blank tunnelt Roy Aitken und erzielt den so wichtigen Ausgleich zum 1:1
Im Höllenlärm von Glasgow entwickelte sich vor 46000 frenetischen Anhängern eine wahre Abwehrschlacht. Zwickauer Auswärtsfans waren, wie bei allen Begegnungen im kapitalistischen Ausland, nicht dabei. Sachsenring knallte die Bälle nach vorn, die promt postwendend zurück flogen. Das war nicht schön anzuschauen und man musste schon das Schlimmste befürchten. Doch bis auf die zwischenzeitliche 1:0-Führung von Kenny Dalglish in der 41. Spielminute hielt Jürgen Croy alles, was auf seinen Kasten einprasselte, einschließlich eines Strafstoßes von Bobby Lennox. Entlastung gab es nach wie vor keine, doch einmal passten die Schotten nicht auf und in der 89. Spielminute bekam Ludwig Blank im Mittelkreis einen feinen Ball, mustergültig von Dieter Leuschner mit dem Außenrist in den Lauf gespielt. Luggi tunnelte kurzerhand Gegenspieler Roy Aitken und rannte wie von der Tarandel gestochen los und knallte das runde Leder ("Die Dinger flogen auf der Insel einfach nur gerade aus", L. Blank) dem Peter Latchford in die Maschen. Einfach so!
Ein Desaster für die Schotten, es herrschte Totenstille im Stadtteil Parkhead und grenzenloser Jubel in ostdeutschen Wohnzimmern, Kneipen am Band bei Sachsenring und in Fernsehräumen der NVA-Kasernen. Das war eine Sensation, an die Niemand geglaubt hatte. Doch am Ende stimmten sie alle im weiten Rund wieder in ihr "Auld Lang Syne" ein, was man mit "Gute alte Zeit" übersetzen kann. Der bekannteste Interpret dieses traditionellen Stücks ist Celtic-Fan Rod Steward.
Für Zwickau war es das erste Auswärts-Tor im Europapokal und das ausgerechnet bei dieser Fußball-Instanz. Wahnsinn. Ab jetzt gab es nur noch ein Thema.
Das Rückspiel
17. März 1976, „Herz AS“. Ausgerüstet mit Schal, Rassel, Fanfare, Fahnen und einem großen Sachsenring-Transparent, waren Jürgen, Steffen, Ricke und zweimal Klaus im blauen Dunst (Rauchen war noch erlaubt) eingetaucht zwischen jeder Menge Rot-Weißer Fanutensilien. Die Stimmung war prächtig und wurde noch getoppt, als tatsächlich ein paar Glasgow-Fans dort auftauchten und wenig später das schottische Nationalgetränk die Runde machte…

BSG-Fanmarsch ins Stadion damals mitten durch die Stadt...
Irgendwann gegen 11 Uhr sammelte sich der Tross vor der Kneipe und brach zu Fuß in Richtung Stadion auf. Dort angekommen, ging es ohne Umwege in unseren Block in die Gegengerade vom Turm, wo wir auch auf die Armeeangehörigen trafen, die Heimaturlaub hatten. Es war zwar noch ewig Zeit, aber wir kosteten jede Minute der Vorfreude genüsslich aus. Eine Stunde vor Spielbeginn kamen die Schotten, noch in zivil aus dem Tunnel und nahmen den bereits stark ramponierten Rasen in Augenschein.

Der "Rasen" war schwer und knöcheltief, Foto: Peter Rückschloß
Es konnte nur das Ticket fürs Europacupspiel sein.
Als ich dann im Stadion war, Ist es dann geschehen
Wir haben Celtic Glasgow am Boden liegen sehen !
Ich bab die BSG gesehen Sie war so wunderschön,
Nun kann ich Die verstehen Die immer sagen:
Die BSG wird niemals untergehen.
Lied auf "Beim Trödler um die Ecke" von Henry Valentino
2026 - Spontanes Treffen an gleicher Stelle
Das Herz As gibt es schon lange nicht mehr, aber das hat die BSG-Haldenjungs von damals nicht davon abhalten können, sich anlässlich des großen CUP-Jubiläums noch einmal genau dort wieder einzufinden. Etwas in die Jahre gekommen - die Erinnerung sind aber noch taufrisch.

... und heute bestens gelaunt beim großen Wiedersehen! Foto: z2000/bde
Die Haldenjungs von damals waren beim Fanmarsch durch die Geinitzsiedlung zum Stadion natürlich mit dabei und haben Luggi Blank getroffen. Wie das so ablief und was es sonst noch so zu erzählen gibt...
Fortsetzung folgt...
u.a. mit Video-Impressionen: GO YOUR OWN WAY
