50 Jahre Zwickauer Europapokaleuphorie - Sensation und raus mit Applaus!
+ + + 17. März 1976, vormittag + + +
Nachdem sich gegen 11 Uhr die halbe Stadt auf dem Weg machte, sammelte sich auch unser Tross vor dem "Herz As" und brach zu Fuß in Richtung Stadion auf. Nach Schedewitz zu laufen, war die einzig realistische Möglichkeit, dort auch "rechtzeitig" anzukommen. Polizisten, die den Verkehr in den Kreuzungsbereichen von Hand regelten, räumten alles was nach rot-weiß aussah, absoluten Vorrang ein. So auch der Mannschaft, die vom Ringcafe durch die Volkspolizei ins Stadion eskortiert wurde. Der Stadtverkehr war für damalige Verhältnisse hoffnungslos überlastet. Dennoch lief alles irgendwie auch geordnet ab. Die Szenerie war eher geprägt von der Anspannung und dem Gefühl, gerade bei einem absoluten Großereignis leibhaftig dabei zu sein. Teilweise mit äußerst skurrilen zweckentfremdeten Fan-Interieur schwer bepackt, wälzte sich die Karawane mit einer beeindruckenden Leichtigkeit die Lengenfelder Straße entlang.
Die homogene Masse war durchdrungen von einem sonderbaren Geräuschteppich, aus Reichsbahn-Signal-Hörnern, dem schrillen Klang von Stahlkugeln in verschweißten Rohrsegmenten, umgedichteten Sprechgesängen aus Arbeiterliedern und Volksmusik und allerlei selbstgebastelten Schlagwerken.
Die altehrwürdige Südkampfbahn, 1942 eingeweiht und 1949 nach dem bulgarischen Kommunisten in "Georgi-Dimitroff-Stadion" umbenannt, mit seinem markanten Turm und dem darin integrierten Torbogen empfing uns majestätisch. Bereit für Giuseppe Verdis Triumphmarsch, obwohl der dramatische Höhepunkt erst noch bevor stand.

Mit Arztkoffer und Fanfare auf dem Weg ins Stadion, Foto: Steffen Junghans mit Pouva Start
Im Stadion angekommen ging es ohne Umwege in unseren Block zur Gegengerade vom Turm, wo wir auch auf die Armeeangehörigen trafen, die Heimaturlaub hatten. Es war zwar noch ewig Zeit, aber wir kosteten jede Minute der Vorfreude genüsslich aus. Eine Stunde vor Spielbeginn kamen die Schotten, noch in zivil aus dem Tunnel und nahmen den durch den Oberligaalltag bereits stark ramponierten Rasen in Augenschein. Respektvoll von uns beobachtet.
Die Eintrittskarten
Die Bestellung, der Verkauf und der Vertrieb der Eintrittskarten war eine logistische Meisterleistung und wurde komplett analog abgewickelt. Dazu musste die eingegangene Briefpost per Schreibmaschine beantwortet und per Nachnahme versendet werden. Ein Bestellsystem, wie man das heute kennt, gab es noch nicht. Alle Karten wurden im Vorfeld vom BÄR-Druck Zwickau gedruckt und mit einer fortlaufenden Nummer versehen. Wieviele es am Ende tatsächlich waren, kann nicht mehr ermittelt werden. Es spricht einiges dafür, dass die Betriebssportgemeinschaft von Sachsenring eine runde Zahl in Auftrag gegeben hatte. 50.000.
Bemerkenswert die damaligen Preise. Wir hatten alle eine Stehplatzkarte, für sagenhafte 5 Mark 10. Dieser sensationell niedrige Preis galt für den gesamten Stadionbereich, ausgenommen der Sitzplätze links und rechts vom Turm.

Original Stehplatz-Karte mit dem gleichen Preis für alle Cup-Spiele.

Anpfiff zur Sensation
15 Uhr, der Spanier Ángel Franco Martínez gab das Spiel frei. Die Schotten ergriffen sofort die Initiative. Gespielt waren gerade einmal vier Minuten, als Ludwig Blank zwischen ein Abspiel des Gegners spritzte, sich den Ball schnappte und aus 22 Metern abzog. Die Bogenlampe schlug im langen Eck ein und brachte die Halde früh zum Beben. Damit hatte nun wirklich niemand im weiten Rund gerechnet. Was für ein spektakulärer Auftakt. Deja-vu in umgekehrter Reihenfolge.
Fortan zerwühlten die Schotten den Rasen vollends und die Halde stemmte sich mit Stemmler und Co erfolgreich dagegen. Der Turm in der Abwehrschlacht war erneut Jürgen Croy, der seine ganze Erfahrung aus den Spielen mit der DDR-Auswahl in die Waagschale warf. Er hielt alles, was auf seinen Kasten zuflog, parierte ein ums andere Mal und wir hatten ein endloses Vertrauen, dass er seinen Kasten bis zum Schluss sauber halten wird. Seine Mitspieler vor ihm, brachten den Vorsprung über die Zeit und warfen die Bhoys aus dem Pokal. Die beiden Blank-Tore sorgten einmal kurz vor Ultimo und das andere Mal gleich zu Beginn im schottischen Lager für Blankes Entsetzen und am Ende für eine echte europaweite Fußballsensation.

Langsam leert sich die Halde und auf dem Foto ist zu erahnen, wieviele Mensch sich gerade noch im weiten Rund befunden haben, Foto: Rigge
Anderlecht - Raus mit Applaus
Danach hatten die Westsachsen allerdings nicht soviel Losglück und trafen auf den vermeintlich unattraktivsten Gegner, dem RSC Anderlecht. Der belgische Pokalsieger war hochkarätig mit Nationalspielern besetzt, die zudem mit Talenten der Oranje-Elftal "ergänzt" waren. Trainer Karl-Heinz Kluge war vor dem Halbfinale zur Spielbeobachtung im Émile-Versé-Stadion in Brüssel, wo er eine Mannschaft beobachtete, die mit der späteren Aufstellung in Zwickau nichts zu tun hatte. Dieser Bluff hat so gut funktioniert, dass der Coach leichtfertig vom bis dahin leichtesten Gegner im Wettbewerb sprach. Was für eine Fehleinschätzung.
Die Konstellation war zudem ungünstig, denn Zwickau musste am 31.3.1976 erstmals zu Hause vorlegen und kam mit dieser Herausforderung überhaupt nicht zurecht. Die Rot-Weißen waren als Gastgeber sogar plötzlich in der Favoritenrolle. Da gab es durch Kampf und Einsatzwille nichts aufzuholen. Die Filigran-Techniker aus Belgien zerlegten die Rot-Weißen in alle Einzelteile und gewannen beide Begegnungen Summa summarum klar mit 5:0. Das erledigten François van der Elst (3) und Rob Rensenbrink (2) quasi im Alleingang. Der Traum vom Finale gegen Eintracht Frankfurt war ausgeträumt, der Sachsenring-Express wurde jäh gestoppt.

Die Hessen waren gegen West Ham United ebenfalls chancenlos und Anderlecht holte sich am 5. Mai 1976 erstmals den Pott. Die Engländer gingen zwar noch mit 1:0 in Führung, ehe das kongeniale Duo Rensenbrink-van der Elst, mit je zwei Treffern, seine Klasse erneut unter Beweis stellte. Der RSC Anderlecht besiegte vor über 50.000 Zuschauern im heimischen Heysel-Stadion in Brüssel die Engländer klar mit 4:2.
Für uns war es balsam für die Seele, am Ende nur am späteren Cup-Gewinner aus Belgien gescheitert zu sein. Die Einsicht, ohnehin als Zuschauer niemals bei einem Endspiel auf nicht sozialistischem Gebiet dabei sein zu können, war im doppelten Sinne nur bedingt tröstlich.
Was für immer bleibt, sind Respekt und Anerkennung für eine Fußballmannschaft aus dem Osten, wo irgednwo hinter dem "Eisernen Vorhang" so ein komisches Auto aus Plaste gebaut wurde...
Zwickaus Europacup-Historie
Europapokal der Pokalsieger 1963/64
Motor Zwickau – MTK Budapest 1:0 / 0:2
Europapokal der Pokalsieger 1967/68
Sachsenring Zwickau – Torpedo Moskau 0:0 / 0:1
Europapokal der Pokalsieger 1975/76
Panathinaikos Athen – Sachsenring Zwickau 0:0 / 0:2,
1. Runde AC Florenz – Sachsenring Zwickau 1:0 / 0:1, 4:5 n. E.,
2. Runde Celtic Glasgow – Sachsenring Zwickau 1:1 / 0:1,
Viertelfinale Sachsenring Zwickau – RSC Anderlecht 0:3 / 0:2, Halbfinale

50 Jahre später fein rausgeputzt, das Westsachsenstadion. Foto: z2000/bde
Fortsetzung folgt...
Das Video (Teil 2) mit Sequenzen von der Jubiläumsfeier auf der Halde und der Begegnung mit Ludwig Blank ist noch in Arbeit. Wir arbeiten fieberhaft an der Fertigstellung.
